Liederliches

kleine chronologie des danebenstehens - vertont von Kristina Kuzminskaite

Trombone
Musik: Kristina Kuzminskaite
Text: Lothar Thiel
Aufgenommen in München, am 23. Januar 2016

             
Im Herbst 2015 vereinbarten Kristina Kuzminskaite und Lothar Thiel, beide Mitglieder des Münchner Künstlervereins REALTRAUM, ein Liederprojekt. Dabei vertont die Musikerin Thiels Gedichte teils durch eigene Kompositionen, teils durch Bearbeitung von bereits vorhandenen Stücken. Für die kleine chronologie des danebenstehens machte sie Anleihen bei deutschen Volksliedern wie “Du liegst mir im Herzen” und bei “Катюша” (Katyusha), dessen Melodie von dem sowjetischen Komponisten Matwei Blanter komponiert wurde. Es singen bzw. sprechen Kristina Kuzminskaite und Lothar Thiel; auch den Bösendorfer-Flügel spielt Kristina. (Anhören: Siehe unten!)

Das dreiteilige Gedicht, das auch in dem Gedichtband zuletzt spricht der fasan (Deiningen 2013, S. 76) enthalten ist, entstand auf Anregung von Thiels Lektor Jürgen Abel. Der machte den erstaunlichen Vorschlag, Thiels erstes, 1963 von ihm im Alter von zehn Jahren verfasstes Gedicht mit der 1997 geschriebenen Parodie von Goethes “Wandrers Nachtlied” und einem noch zu erstellenden dritten Poem zur “kleinen chronologie des danebenstehens” zusammenzufügen. Dass man dieses Konstrukt vertonen könnte, ist eigentlich kaum vorstellbar. Doch Kristina hat es souverän geschafft.
       
Kristina Kuzminskaite ist vielseitig aktiv: Unter anderem unterrichtet sie, ist im Bereich der Kirchenmusik tätig und leitet das Orchester der Stadt Schongau. Am 25. September 2016, um 16 Uhr, gestaltet sie mit diesem im Schongauer Ballenhaus die Nachmittagsmusik: „Telemann im Herbst“, zu der auch Mitglieder des REALTRAUM Beiträge leisten werden. Siehe dazu auch unter der Rubrik Unterwegs den Eintrag zum 25.9.2016!
     
   
Text:
       
kleine chronologie des danebenstehens
     
1
erwin und ich, ich und erwin
(schorndorf im remstal, 1963)

wir gingen zu dem aichenbach
und suchten uns ein unterdach.
es regnete gar ziemlich stark
und erwin sagte: so ein quark!
wir wurden immer nasser
und erwin fiel ins wasser.
   
2
wandersmanns morgenlied
(brüssel, 1997)

unter allen bäumen
liegst du,
bei allen träumen
spürest du
schmerzen im bauch.
ein vöglein muß kotzen,
dem kannst du nicht trotzen.
so stirb du nun auch.
     
3
einen moment noch, bitte
(am nordöstlichsten strand europas, 2053)

warum nicht? noch bin ich da.
auf nowaja semlja.

müssen sich nun wirklich langsam sputen
mit ihrer antwort, diese glieseaner, kennen sie die auch?
ist ja nicht mal so ganz sicher, ob sie’s überhaupt gibt.

wie? – ganz schön frech!

also echt: ich bin noch da.
auf nowaja semlja.

neunundneunzig, hundert,
das hat ja nichts zu bedeuten:
zahlenwerk – menschenwerk.

doch: jeden morgen fünf kniebeugen.

aber klar. noch bin ich da.
auf nowaja semlja.

ja! 37 romanfragmente,
neuneinhalb interkulturelle projekte.
was: „welche kultur?“?

aber klar. noch bin ich da.
auf nowaja semlja.

ich räum jetzt gerade eben nur noch schnell auf
inzwischen können sie ja mal
     
       
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